Galina Iwanowna, welche ersten musikalischen Eindrücke haben Sie in Erinnerung?
G.U.: Als ich in der Kindheit Eugen Onegin in der Oper hörte, heulte ich so, daß man mich aus dem Zuschauerraum entfernt hat. Onegin tat mir einfach leid. Mutter sagte, daß man "Galina nirgends hin mitnehmen darf, weil sie uns nur Schande bringt". Ich erinnere mich, daß das Orchester auf mich einen solchen Eindruck gemacht hat, daß ich sagte: "Ich will ein Orchester sein!"
Haben Sie irgendein Musikinstrument gelernt?
G.U.: Ja, das Violoncello. Ich spielte schlecht. Unvollkommen war auch das Instrument selbst: Die Saiten lockerten sich immer wieder und die Wirbel knarrten; man mußte die Saiten ständig nachstimmen. Ich übte nicht gern, aber wenn ich spielte, setzte sich mein Vater, der nach einer Krankheit fast taub war, neben mich und hörte zu. Das berührte mich sehr.
Erzählen Sie bitte über Ihre Eltern, über Ihre Kindheit. Gab es in Ihrer Familie Musiker?
G.U.: Nein, musikalische Wurzeln gab es keine in unserer Familie, Mein Vater, Iwan Michailowitsch Ustwolski, war Jurist, Rechtsanwalt, und kam aus einer Priesterfamilie: Mein Großvater war eine große bedeutende Persönlichkeit in der geistlichen Welt. Von dieser Herkunft zeugt auch unser Familienname. Meine Mutter, Xenia Korniljewna Potapowa, die meinen Vater, der sofort nach dem Krieg starb, um viele Jahre überlebte, war Schullehrerin. Sie kam aus einer verarmten Adelsfamilie, die ihr eine gute Bildung ermöglichen konnte. Soweit ich mich erinnern kann, lebten wir ständig in materiellen Schwierigkeiten. In der Not trug ich den alten Mantel meines Vaters er war mir zu lang und ein neues Halstuch von ihm, das ich später einem Mädchen geschenkt habe. Ich schenkte gern, obwohl wir selbst nichts übrig hatten. Seit meiner Kindheit duldete ich keinen Druck auf mich. Sehr oft blieb ich dem Schulunterricht fern. Ich fuhr lieber mit der Straßenbahn zu den Inseln und sah mir stundenlang an, wie die Vögel in Wasserpfützen badeten. Ich bummelte ziellos durch die Stadt und schaute mir Schaufenster an. Oft kam ich spät nach Hause, weil ich wußte, daß mich dort Tadel erwartete.
Können Sie sich an etwas erinnern, das Ihnen in der Kindheit lieb und teuer war?
G.U.: Auf der Datscha gingen alle Kinder zusammen spielen, aber ich versteckte mich vor ihnen, setzte mich ins Dickicht am See und zeichnete. In der Kindheit verstand man mich absolut nicht übrigens, wie auch heute; ich wuchs allein auf. Ich war ganz allein. Die Eltern lebten ihr eigenes Leben. Seitdem sind meine Nerven zerrüttet... Ich erinnere mich daran, daß ich, als ich noch ganz klein war, unter das Klavier kroch, um zu vermeiden, mit den Eltern auf Besuch zu gehen. Ich wollte allein bleiben. Später, als ich erwachsen war, verstanden die Verwandten meine Musik nicht, sie verstanden nicht, warum ich "für die Schublade" komponierte und keine populären Lieder schrieb, um Geld zu verdienen.
Wie lange mußten Ihre Werke normalerweise bis zur Druckausgabe warten?
G.U.: In der Regel etwa zwanzig Jahre. Das Klavierkonzert, geschrieben 1946, wurde erst 1967, einundzwanzig Jahre später, herausgegeben. Die Erste Klaviersonate von 1947 erschien 1973, also nach sechsundzwanzig Jahren, und das Trio für Violine, Klarinette und Klavier von 1949 wurde 1970 gedruckt, nach einundzwanzig Jahren also. Die Zweite Klaviersonate wartete zwanzig Jahre auf ihre Druckausgabe, und erst seit dem Duett für Violine und Klavier betrug die Zeit zwischen dem Abschluß einer Komposition und der Druckausgabe normalerweise drei bis sieben Jahre.
Wurde irgendeines Ihrer Werke neu herausgegeben?
G.U.: Erst in den letzten Jahren kam es zu Neuausgaben außerhalb Rußlands beim Musikverlag Hans Sikorski in Hamburg.
Können Sie sich an den Tag Ihrer ersten Uraufführung erinnern? In welchem Saal war das? Was für ein Werk wurde aufgeführt?
G.U.: Nein, ich erinnere mich nicht.
Wie war, nach ihrem Eindruck, die Einstellung des Konzertpublikums der 60er und 70er Jahre zu Ihrer Musik?
G.U.: Es gab viel Interesse und große Aufmerksamkeit.
Einige Ihrer frühen sinfonischen Werke haben Sie nicht in Ihr Werkverzeichnis aufgenommen. Warum?
G.U.: Das sind Arbeiten, die ich aus äußerster materieller Not heraus komponieren mußte, um meiner Familie zu helfen, die es damals nicht leicht hatte. Diese Stücke kann man auf den ersten Blick von meinen eigentlichen Werken unterscheiden; darum gehören sie nicht in mein Werkverzeichnis.
Im Werkverzeichnis sind nur fünfundzwanzig Werke angegeben...
G.U.: Sophokles sagte einmal, daß ihn drei Verse drei Tage kosten. "Drei Tage!" rief ein mittelmäßiger Dichter aus, nachdem er diese Worte gehört hatte. "Ich könnte in dieser Zeit hundert Verse schreiben!" "Ja", antwortete ihm Sophokles, "aber sie würden auch nur drei Tage existieren".
überarbeiten Sie Ihre Kompositionen nach einiger Zeit? Gibt es Werke, die in verschiedenen Versionen existieren?
G.U.: Nein. Die von mir komponierten Stücke habe ich lange Zeit liegenlassen. Wenn sie mich danach nicht befriedigten, habe ich sie vernichtet. Ich mache keine Rohentwürfe. Und ich komponiere ohne Instrument am Schreibtisch. Alles wird mit solcher Sorgfalt durchdacht, daß es nur noch aufgeschrieben zu werden braucht. Ich bin immer in meine Gedanken vertieft. Auch die Nächte verbringe ich mit intensivem Nachdenken und schaffe es darum nicht, mich zu erholen. Die Gedanken zernagen mich. Ich habe eine ganz eigene Welt und verstehe alles von meinem eigenen Standpunkt aus. Ich höre, sehe und handle anders als alle Menschen. Ich lebe mein einsames Leben.
Ist es vorgekommen, daß Sie an einer besonderes gelungenen Interpretation Ihrer Musik etwas Neues entdeckt haben?
G.U.: So etwas kann es bei mir nicht geben.
Einer der Autoren, die über Sie geschrieben haben, erinnert an Schopenhauers Wort, daß die Selbstgenügsamkeit, die Fähigkeit, Interesse und Vergnügen im Umgang mit sich selbst zu finden, das exquisiteste Merkmal für eine Persönlichkeit ist, Hören Sie sich gern Musik anderer Komponisten an? Lesen Sie gern?
G.U.: Unter den Schriftstellern habe ich immer nur Gogol bevorzugt. Ich bin der Meinung, daß er seinerzeit nicht verstanden worden ist und auch heute noch nicht richtig verstanden wird. Ich analysiere Musik nicht gern. Ich habe immer ein ich glaube altgriechisches Sprichwort im Gedächtnis: "Viel Wissen gibt keine Weisheit". Für mich ist etwas anderes wichtiger: die Natur, die Stille, die Ruhe. Nur keine Leute. Ich würde gern unter einer Birke sitzen wie beim Komponieren der Zweiten Symphonie. Mehr brauche ich nicht. Einsamkeit ist das Beste. Weil ich in der Einsamkeit zu mir selbst finde, und das gibt mir eigentlich das Leben.
Hat sich Ihre Wahrnehmung der Zeit in der Musik, an der sie heute arbeiten, und jener, die sie vor dreißig, vierzig Jahren geschrieben haben, verändert?
G.U.: Überhaupt nicht.
Gibt es unter den musikalischen Strömungen und Stilen etwas, das Sie als Ihrer Musik nahestehend oder verwandt bezeichnen könnten?
G.U.: Für den, der meine Musik gut kennt, ist diese Frage irrelevant.
Man bezeichnet Sie als Kompositionsschülerin Schostakowitschs.
G.U.: Der Kompositionsklasse von Schostakowitsch war ich formal zugeordnet. Während des Vorspiels der Schülerkompositionen ging Dmitri Dmitrijewitsch nervös im Zimmer hin und her, rauchte "Belomor" und ging oft hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Wie es mir scheint war er ein neidischer Mensch... Praktisch unterrichtete er Instrumentation gar nicht, und ich strebte das eigentlich auch nicht an. Als ich als berufsuntauglich aus dem Konservatorium entfernt werden sollte und dies im Dekanat der Fakultät diskutiert wurde, sagte Dmitri Dmitrijewitsch kein Wort zu meiner Verteidigung, stand auf und verließ den Raum. Michail Fabianowitsch Gnessin verteidigte mich und erreichte meine Wiederaufnahme... Ich will, daß sich endlich die Wahrheit über Schostakowitsch als Komponist und Mensch durchsetzt. Es ist an der Zeit, jenen langjährigen unerschütterlichen und bornierten Standpunkt gegenüber der Persönlichkeit von Schostakowitsch aufzugeben. Die Persönlichkeit von Dmitri Dmitrijewitsch hat meine besten Gefühle belastet und getötet. Ausführlicher werde ich nichts mehr dazu sagen. Die Einzelheiten würden zu weit fuhren.
Die Fakten der persönlichen und schöpferischen Sympathie Dmitri Schostakowitschs Ihnen gegenüber sind bekannt.
G.U.: Dmitri Dmitrijewitsch lud mich zu seinen Konzerten und Proben ein. Natürlich konnte ich nicht ablehnen. Es kam vor, daß ich während eines ganzen Konzertes stehen mußte, weil sich bei Schostakowitschs Konzerten im Großen Saal der Philharmonie das Publikum wie Sardinen in der Büchse drängte. Mit großer Mühe hielt ich die Konzerte durch, denn die Musik zerschnitt mir die Ohren, die Seele tat weh. Ich wäre gern gegangen, aber nach dem Konzert mußte man Schostakowitsch und Mrawinski die Hand drücken. Schostakowitschs Musik hat mich immer deprimiert. Wie konnte, und, so scheint es, kann man immer noch eine solche Musik genial nennen? Mit der Zeit wird sie verblassen.
Vielsagend war auch die folgende Episode. Etwa um 1940 oder 1941, noch vor dem Krieg, kam Schostakowitsch zu mir und erzählte, daß er seine Siebte Symphonie fast fertiggestellt hätte. Er hätte nur noch die Coda anzuschließen und einige überarbeitungen vorzunehmen. Er erwähnte, daß er sich unsicher sei, wie er die Symphonie besser überschreiben solle: "Lenin-Symphonie" oder "Leninsche Symphonie". Dmitri Dmitrijewitsch schätzte Wladimir Iljitsch Lenin sehr und wollte ihm immer irgendeines seiner Werke widmen.
Was würden Sie zur Musik und zur Persönlichkeit von Sergej Prokofjew sagen?
G.U.: Nichts! Seine Musik gefallt mir nicht.
Sind Sie mit Igor Strawinsky einverstanden, der behauptete, daß es unmöglich sei, die Konzeption des Komponisten voll und ganz durch die Notation darzustellen?
G.U.: Voll und ganz ist das unmöglich es ist wirklich so. Ideal wurde meine Musik, die Zweite Symphonie zum Beispiel, noch nie aufgeführt. Andererseits spreche ich nicht gern über meine Musik. Es ist sehr schwer, über eigene Werke zu sprechen. Meine Fähigkeit, Musik zu komponieren, stimmt leider nicht mit der Fähigkeit überein, über sie zu schreiben. Außerdem gibt es die Meinung, daß das eine das andere ausschließe...
Und dennoch: Welchen Interpreten würden Sie favorisieren? Wessen Spiel scheint Ihnen am gelungensten zu sein?
G.U.: Reinbert de Leeuw, Mstislaw Rostropowitsch, Alexei Ljubimow und Frank Deniers. Anatoli Iwanowitsch Wedernikow hat als erster meine Zweite Klaviersonate von 1967 glänzend aufgeführt damals, als alle alles fürchteten und mich einfach in den Schmutz traten. Er hatte keine Angst, meine Musik zu spielen.
Wenn irgend ein unbekannter Dirigent oder Pianist Sie darum bitten würde, ihm die Partituren und Stimmen und die Erlaubnis zur Aufführung Ihrer Musik zu geben, wie würden Sie reagieren?
G.U.: Ich würde ihm die Noten geben.
Man streitet oft darüber, zu welcher Gattung Ihre Werke gehören.
G.U.: Der innere Gehalt meiner Musik schließt den Begriff "Kammermusik" aus. Darum soll man meine Kompositionen entweder zur symphonischen Musik wie die Symphonien und das Klavierkonzert oder zur Instrumentalmusik rechnen wie die übrigen Werke für ein, zwei oder mehrere Instrumente.
Wie ist Ihre Einstellung zur "Mode der Religiosität", die in den letzten Jahren Interpreten, Dirigenten, Chorleiter und auch die Komponisten erfaßt hat?
G.U.: Negativ.
Halten Sie sich für einen gläubigen Menschen?
G.U.: Ja.
Ihre Musik nennt man nicht selten religiös...
G.U.: Das ist ein großer Irrtum. Ich habe mich ja schon mehrfach dazu geäußert.
Und der Begriff des Nationalen? Halten Sie Ihre Musik für spezifisch russisch?
G.U.: Wie fassen wir denn die Kunst von Leonardo da Vinci, von Rembrandt, Bach, oder Beethoven auf? Ist das denn italienische, holländische oder deutsche Kunst? Das ist das Höchste. Wenn es sich um höchste Kunst handelt, wenn dieses oder jenes Werk alle anderen übertrifft, ist es für alle Nationen das Höchste. Ich akzeptiere nur solche Werke in allen Kunstgattungen.
Galina Iwanowna, viele Sankt Petersburger Musiker können Sie als ihre Lehrerin bezeichnen.
G.U.: Ich habe lange in der Musikfachschule gearbeitet, ungefähr dreißig Jahre. Aber ich habe nur unterrichtet, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen und glaube nicht, daß ich Dutzende bekannter Komponisten ausgebildet habe dafür war das Konservatorium da. Die Studenten verhielten sich mir gegenüber sehr gut. Als man mich aus dem Lehrkörper der Schule wegen der Aufführung meines Klavierkonzerts es war verboten entfernt hatte, organisierten die Studenten neben der Schulverwaltung einen Protestposten mit dem Plakat "Bringen Sie uns Ustwolskaja zurück". Und tatsächlich kam ich zurück.
Was würden Sie künftigen Komponisten raten?
G.U.: Begabter und kürzer zu komponieren.